Fake News unterm Haken­kreuz:

Das Hitler­attentat im Bürger­bräu­keller  

Wie aus dem misslungenen Anschlag eines mutigen Einzelkämpfers eine angebliche Verschwörung des britischen Geheimdienstes wurde.

Deutschland ist in Aufruhr: ein Sprengstoffanschlag auf Adolf Hitler! Für die Propaganda ist es ein Geschenk. „Der Führer lebt! Die Vorsehung hat ihn uns in diesen Tagen erhalten.“ Propagandaminister Joseph Goebbels diktiert den Zeitungshäusern, dass sie Stimmung gegen den Erzfeind Großbritannien machen müssen. Die Journalist:innen gehorchen und schreiben: „Im gleichen Augenblick, da die Nachricht von dem Verbrechen bekannt wurde, fühlte jeder Deutsche intuitiv, daß England hinter dieser Freveltat steht.“ 

In München einige Tage zuvor 

8. November 1939: Der Saal im Bürgerbräukeller ist randvoll mit nationalsozialistischen Funktionären. Trotzdem versuchen auch die, die hinten auf der Galerie stehen, vorbei an den Köpfen ihrer Kollegen, einen guten Blick auf Adolf Hitler zu bekommen. Gespannt horchen alle den Worten ihres Partei-Führers. Der zeigt wieder einmal sein herausragendes Talent als Wutredner. In Rage attackiert er Großbritannien. Goebbels ist ebenfalls anwesend und notiert in sein Tagebuch: „England wird unsere Waffen kennenlernen. Tolle Begeisterung im Saal.“ Direkt nach der Rede verlassen Goebbels und Hitler die Veranstaltung – früher als ursprünglich geplant.   

Nur eine Viertelstunde später explodiert eine der Säulen. Die Decke bricht ein und begräbt das Rednerpult unter sich. Sieben Menschen sterben und 64 werden verletzt. Hinter dem Anschlag steckt jedoch nicht der Erzfeind England, sondern ein deutscher Arbeiter, Georg Elser.   

Goebbels interessiert das nicht 

 Der Propagandaminister erfindet eine Verschwörung zwischen Elser und dem britischen Geheimdienst: „Die Attentatsfrage wird weiter untersucht. Der Secret Service steht hinter allem.“  

Wenige Tage nach dem Anschlag wird Elser verhaftet. Verhörprotokolle zeichnen ein ganz anderes Bild als die Fake News, die Goebbels in Umlauf gebracht hat. Elser hat die Tat alleine geplant und sie auch alleine durchgeführt. Seine Motivation: Er hasst die nationalsozialistische Diktatur. Elser ist Kommunist. Er ist Widerstandskämpfer. Aber er ist ein Einzelgänger. Und er ist ein Einzeltäter.   

Nachdem Elser ein ausführliches Geständnis abgelegt hat, bringt ihn die Geheime Staatspolizei in das Konzentrationslager Sachsenhausen und später in das KZ Dachau. Dort lässt ihn die NS-Führung im April 1945 ermorden. Der Widerstandskämpfer darf die Befreiung nicht erleben.  

Quellen:  

 Die Beisetzung der sieben Toten. In: Steirische Alpenpost. 17.11.1939 https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=apt&datum=19391117&seite=2&zoom=33&query=%22Attentat%22%2B%22hitler%22%2B%22england%22&ref=anno-search 

 Die Spuren des Verbrechens führen ins Ausland. In: Völkischer Beobachter: 10.11.1939 https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vob&datum=19391110&seite=2&zoom=33&query=%22Attentat%22%2B%22hitler%22%2B%22england%22&ref=anno-search 

Steinbach, Peter 1989/90: Der einsame Attentäter. Zur Erinnerung an Johann Georg Elser. In: Zeitgeschichte Jg. 17 Heft 9/10 S. 349-363 https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=ztg&datum=1989&qid=00B30DXE8OWH2NHQR8W7DYG79DSYEM&size=45&page=401