Marmor, Kohle und Russen:

Krieg am Nord­bahnhof

Das heutige Nordbahnviertel in Wien ist ein zentraler Schauplatz im Ersten Weltkrieg. 

Kriegsausbruch 1914. Junge Männer eilen in Richtung Nordbahnhof. Sie kämpfen sich durch das Getümmel am Bahnsteig und besteigen blumengeschmückte Eisenbahnwaggons. Ein paar Abschiedstränen fließen, aber der Jubel überwiegt. Die ersten Züge rollen ab. 

Der Bahnhof als Kriegsdrehscheibe 

Die Eisenbahn ist für die Kriegsführung entscheidend. Hier werden Kriegsgerät und Menschen verschoben. Im Herbst 1914 befördern die Züge über eine Million Soldaten an die Front. Viele kehren bald wieder auf Tragbahren zurück: Von „Ladungen verstümmelter Menschen“ ist zu lesen, die am Nordbahnhof aus den Waggons gehoben und in Lazarette gebracht werden. Wenige Monate nach Kriegsausbruch treffen auch die ersten Flüchtlinge aus dem Osten der Monarchie ein. An manchen Tagen kommen fast 3.000 schutzsuchende Menschen am Bahnhof an. 

Keine Kohle im Winter 

Zwei Jahre später wirken die prunkvollen Marmorsäulen des Nordbahnhofs grotesk. Das palastartige Gebäude passt so gar nicht zum dunklen Alltag im Krieg. In den Hallen tummeln sich Frauen auf der Suche nach Kohle zum Heizen. Die 20-jährige Wienerin Bernhardine Alma hat wenig Glück: „Nachmittag war ich am Nordbahnhof wegen Kohlen erfolglos. Mir ist die Kohlenwirtschaft so eklig.“  

Der Nordbahnhof ist schon lange der wichtigste Ankunftsort für Kohlentransporte nach Wien. Aber der Krieg schränkt den Güterverkehr ein und so kommt es zu Engpässen bei Kohle. Die Menschen können im Winter nicht mehr heizen. Häufig ist im Geschäft keine Kohle mehr zu holen, weil der Kohlenkutscher die ganze Ladung gestohlen und das „schwarze Gold“ zu einem überteuerten Preis verkauft hat. 

Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen auf die Straße. Einige suchen im Nordbahnhof ein Dach über dem Kopf. In den Waggons, die nicht mehr fahren, schlafen Menschen auf feuchten Matratzen. Das Leben wird immer unerträglicher.  

 
© wasbishergeschah

 Revolution im Nordbahnviertel 

Im Spätherbst 1918 bilden sich große Menschentrauben vor dem Bahnhof. Russische Kriegsgefangene warten auf ihre Heimreise, während österreichische Kriegsgefangene aus Russland zurückkehren. Ein junger Soldat reißt die kaiserliche Kokarde, ein militärisches Abzeichen, von seiner Kappe: Er signalisiert damit Meuterei. Der Krieg und die Monarchie sind ihm verhasst. 

Gegen Kriegsende verliert der Nordbahnhof weitgehend seine überregionale Bedeutung. Auch seinen alten Glanz hat er eingebüßt. Aus dem Märchenpalast der Monarchie ist ein finsteres Gebäude geworden.