1881 im griechischen Ort Gytheon. Die Männer einer herrschenden Familie des Ortes haben eilig zu einem Treffen zusammengerufen. Sie stehen mit ernster Miene im Kreis um einen Hut, in den jeder von ihnen Schießpulver und eine Bleikugel hineingibt. Angespannt blicken sie auf die Kopfbedeckung. Nun wird eine Kugel wieder aus dem Hut herausgenommen. Sie bestimmt, wer die Blutrache vollstrecken muss. Der Ausgewählte wird später einen Mord im Namen der Familienehre begehen, so will es die Ordnung auf der Halbinsel Mani.
Blutrache: Gewalt wird zu Gewohnheit
In der überbevölkerten Mani fehlt jede staatliche Struktur. Es entwickelt sich nach dem Mittelalter eine eigene Gesellschaftsordnung. Adelige Familien leben oft von Piraterie. Sie stehen an der Spitze von Clans, die einander häufig bekämpfen. Konflikte lösen sie durch brutale Fehden und Blutrache. Die Gewalt wird zur Gewohnheit.
Die Ursachen für die Auseinandersetzungen zwischen den Familien sind ganz unterschiedlich. Die Manioten streiten sich wegen vielen Dingen, wie ein „Capitan“ – das Familienoberhaupt eines Clans – in einem Gespräch 1829 bestätigt: „Uns reicht dafür schon ein einziges Wort.“
Die Fehden folgen einem genauen Ablauf: In Zusammenkünften beschließen Familienmitglieder die Auseinandersetzung. Anschließend lässt der Clan Kirchenglocken läuten. Die Fehde hat begonnen. Alle Beteiligten halten die Kampfpausen ein, die „Treva“ genannt werden. Das soll die Versorgung mit Lebensmitteln sichern, wenn die Konflikte länger dauern. Trotzdem müssen die Mitglieder des Clans damit rechnen, dass sie auf ihren alltäglichen Wegen angegriffen, verletzt oder getötet werden.
In der konservativen Gesellschaft der Mani haben Frauen wenig zu sagen. Das gilt auch für die Blutrache. Die Gewaltexzesse sind Männersache. Nicht zufällig nennen Mütter auf der Mani ihre Söhne „Opolo“, Gewehr. Während der blutigen Fehden begehen aber ebenso Frauen Rachetaten.
Auch deshalb, weil nach den Regeln der Blutrache für ein ermordetes Familienmitglied bis zu drei Mitglieder der anderen Familie getötet werden dürfen. Eine der am längsten dauernden Fehden trägt sich in der Gemeinde Vathia von 1780 bis 1820 zu. Dabei bekämpfen sich vier Familien. Vathia gleicht zeitweise einem Kriegsschauplatz: Männer verschanzen sich mit Gewehren. Sie schießen auf alles, was sich bewegt. Kanonenkugeln schlagen in Häuser ein. Nichts und niemand ist sicher. Über 200 Menschen sterben und viele Dorfbewohner:innen verlassen den Ort für immer. Davon erholt sich die Gemeinde nie mehr.
Auch die Gebäude sind an die ständige Gefahr eines Konflikts angepasst. Sie sind kleine Wehranlagen aus dicken Steinmauern. So ähneln sie eher Türmen als Häusern. Der Eingang befindet sich im ersten Stock. Er ist nur über eine Holzstiege oder Zugbrücke zugänglich. So kann das Wohnhaus schnell in eine uneinnehmbare Festung verwandelt werden. Meist haben diese Wehrhäuser Schießscharten und Zinnen zur Abwehr von Angriffen. Ganze Stockwerke dienen der Verteidigung und als Lager für Gewehr- und Kanonenkugeln, Steinbrocken, Fackeln und Lebensmittel.
Auch das Ende der Fehden ist genau geregelt. Unter bestimmten Bedingungen versöhnen sich die Beteiligten. Manchmal halten die Familien das sogar schriftlich fest. So am 7. Dezember 1820 in Konakia: „Durch die göttliche Vorsehung dazu bewegt, haben die unterzeichneten Ältesten des Landes ihre Leidenschaft abgelegt und sich versöhnt.“ Bedingung für den Frieden ist: Zwei Familien müssen die Turmhäuser der Gegenseite wieder aufbauen, die sie im Kampf zerstört haben.
Blutrache ist bis ins auslaufende 19. Jahrhundert in der Region üblich, aber sie kommt nicht nur auf der Mani vor. Sie ist jahrhundertelang weit verbreitet. Auf der Mani prägen die Turmdörfer bis heute das Landschaftsbild. Sie zeugen von einem Alltag im Ausnahmezustand. Tourist:innen sehen heute nur eine Idylle – einen guter Spot für Selfies.
Basilios Vlavianos, Zur Lehre von der Blutrache. mit besonderer Berücksichtigung der Erscheinung dieser Sitte in Mani (Griechenland), Jena 1924.