23. August 1848, Wien: Ein „Leichenzug“ bewegt sich durch den Prater. Frauen, Männer und Kinder marschieren einer Bahre hinterher. Sie tragen Hacken und Schaufeln. Auf der Bahre liegt eine aus Lehm geformte und in Lumpen gehüllte Puppe, die den Arbeitsminister darstellt. Den Umstehenden erzählt die „Trauergemeinschaft“, dass „der arme Mann vier Kreuzer verschluckt habe, am fünften aber erstickt sei.“ Es sind die Kreuzer, die der Minister ihnen vom Lohn abgezogen hat.
Im Frühjahr 1848 fegt die Revolution durch Wien. Studenten, Handwerker, Geschäftsleute und Arbeiter:innen verlangen demokratische Mitsprache, eine Verfassung und das Ende der Zensur. In den Vorstädten stürmen die Beschäftigten die Fabriken. Am Eingang zur Stadt setzen sie die Mauthäuser in Brand, weil hier Steuern auf Lebensmittel zu entrichten sind, die anschließend in der Stadt zu hohen Preisen verkauft werden. Auf den Barrikaden erkämpfen die Aufständischen die ersten Siege. Kanzler und Kaiser verlassen die Stadt und eine Art neue Regierung bildet sich: Der „Sicherheitsausschuss“.
Die Wirtschaft steckt in einer Krise und die Arbeitslosenzahlen explodieren. Diesem Problem begegnet der Ausschuss, indem er öffentliche Bauprojekte veranlasst. Tausende Frauen, Männer und Kinder arbeiten auf den Baustellen in Wien. Sie errichten Straßen, schütten Erdwälle auf, regulieren Flüsse und bauen Dämme. Allein im Prater sind fast 3.000 Arbeiter:innen beschäftigt. Die sogenannten „Erdarbeiterinnen“ verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen. Die jugendlichen Arbeiter zwischen 12 und 16 Jahren erhalten noch weniger Lohn. Mit dem wenigen Geld können sie sich kaum über Wasser halten. Und bezahlt werden sie nur, wenn gearbeitet wird: An Regentagen, Sonn- und Feiertagen gibt es keinen Lohn.
Schließlich verkündet der Arbeitsminister auch noch die Kürzung der Löhne. Das lassen sich die Arbeiterinnen nicht gefallen. Mit Fahnen, aber unbewaffnet, marschieren sie in die Innere Stadt und veranstalten eine „Katzenmusik“: Mit Kochlöffeln und Stecken trommeln sie auf Töpfe und andere Gegenstände, um Lärm zu erzeugen. Aber der Minister verweigert die Rücknahme der Lohnkürzung. Und so veranstalten die Frauen einen „Leichenzug“ im Prater. Die Demonstration soll sich bis in die Innere Stadt fortsetzen, aber am Praterstern kommt sie zum Stehen. Mitglieder der Nationalgarde und der Akademischen Legion, zwei militärische Formationen der Revolutionäre, halten sie auf. Die Solidarität mit den Arbeiter:innen endet hier. In ihren Augen fordern die Arbeiter:innen zu viel. Dann kommen auch noch Wachebeamte zu Hilfe. Mit Säbeln und Bajonetten bewaffnet schlagen sie auf die Arbeiter:innen ein. Die wehren sich mit Schreien, Pfeifen und Steinwürfen. Der Widerstand ist aber nur von kurzer Dauer.
Das brutale Vorgehen empört auch die bürgerlichen Frauen. Wenige Tage nach der „Praterschlacht“ organisieren sie sich. Der „Erste Wiener Demokratische Frauenverein“ entsteht. Bei der Versammlung im Salon des Wiener Volksgartens beschließen sie, Geld für die Arbeiterinnen zu sammeln, um das abgezogene Gehalt zu ersetzen.
Gabriella Hauch, Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener Revolution 1848, Wien 1990.
Wolfgang Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848, Wien 1979.