5. Mai 1945, Katsdorf in Oberösterreich: Als der 26-jährige Albert Kosiek frühmorgens geweckt wird, ist es für ihn noch ein Tag wie viele andere in der Armee. Sein vorgesetzter Offizier schickt Kosiek als Anführer eines Aufklärungstrupps los. An der Spitze von 23 Soldaten soll er Brücken für den Weitermarsch kontrollieren. Kurz nach Sonnenaufgang verlässt der Trupp das Militärlager. Die Soldaten ahnen nicht, dass sie es sein werden, die nur wenige Stunden später das Konzentrationslager Mauthausen befreien.
Auf dem Weg begegnen die Soldaten zufällig einem Rotkreuzfahrzeug. Sie erfahren, dass sich ganz in der Nähe ein großes Konzentrationslager befindet. Per Funk nimmt Kosiek Kontakt zu seinem vorgesetzten Offizier auf: Er bittet um Erlaubnis, dass er ins Lager vorrücken darf, um die Gefangenen zu befreien. Sein Offizier ist nicht begeistert, denn eigentlich soll Kosiek Brücken kontrollieren. Schließlich stimmt er aber zu – unter der Bedingung, dass Kosiek per Funk erreichbar bleibt.
Als die US-Soldaten beim Lager Gusen eintreffen, erhält Kosiek per Funk dann auch prompt den Befehl zur Umkehr. Wieder muss er seinen Vorgesetzten überzeugen, dass er die Truppe weiterfahren lässt.
Ankunft in Mauthausen
Hinter einem Stacheldrahtzaun erblickt Kosiek hunderte Menschen, völlig ausgezehrt: „Sie sahen kaum aus wie menschliche Wesen“, erzählt er später in einem Erinnerungsbericht. Als die Eingesperrten bemerken, dass die Amerikaner kommen, beginnen sie freudig zu rufen und geraten in Bewegung: Kosiek befürchtet eine Massenpanik. Da hört er die Menschen auf Polnisch schreien – und erkennt, was er tun kann: Seine Eltern stammen aus Polen, er selbst spricht Polnisch. So schafft er es schnell, die verzweifelten Menschen zu beruhigen.
Durch ein Tor betreten die US-Soldaten das KZ. Das ist riskant: Die SS ist schon geflohen, aber im Lager warten an die 1000 bewaffnete Männer aus Feuerschutzpolizei und Volkssturm. Doch die leisten keinen Widerstand. Stattdessen klatschen im Lager hunderte Häftlinge Beifall für die US-Soldaten. Erst nach und nach dämmert es Kosiek, wie wichtig es war, dass er sich gegen die Routineaufgabe entschieden hat: „[Ich begann] zu begreifen, was dieser Moment für [die Menschen] bedeuten musste, und war froh, dass wir den Aufwand in Kauf genommen hatten, das Lager zu befreien.“
Kosieks Trupp treibt die deutschen Wachen zusammen und nimmt sie gefangen. Im Lager Gusen kommen hunderte weitere Wachen dazu. Mit insgesamt 1800 Kriegsgefangenen treten die Amerikaner den Rückweg an. Kosiek informiert seine Vorgesetzten über die vielen gefangenen Deutschen, doch niemand glaubt ihm so richtig – bis sie um 1:30 Uhr in der Früh im US-Quartier ankommen.
Inszenierung der Befreiung
In den nächsten Tagen rücken weitere US-Einheiten in die Lager vor. Der Offizier Richard Seibel erhält den Befehl über das befreite KZ Mauthausen. Nun stehen Armeefotografen bereit, um die Ankunft der ersten US-Soldaten nachzustellen. Ein ikonisches Foto zeigt die „Einfahrt des ersten US-Panzers ins Häftlingslager am 5. Mai“. In Wirklichkeit ist es aber erst ein oder zwei Tage später entstanden.
Richard Seibel gibt bis in die 1990er-Jahre etliche Interviews und tritt auf Gedenkveranstaltungen als „der Befreier“ von Mauthausen auf. Als er 1995 bei der „Befreiungsfeier“ behauptet, dass er das Lager Mauthausen als Erster befreit hat, kommt im Publikum Ärger auf. „Hör auf […], du warst nicht da!“, rufen einige US-Veteranen und verlassen die Veranstaltung. Albert Kosiek dagegen steht kaum in der Öffentlichkeit: Er beendet seine Militärlaufbahn und kehrt in die USA zurück. Zuerst arbeitet er bei einer Firma für elektronische Geräte, später eröffnet er einen eigenen Friseursalon.
Anna Stärk
Der Blogbeitrag ist eine Kooperation von wasbishergeschah.at mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und dem Mauthausen Memorial. Er entstand im Rahmen des Forschungsseminars „Befreiung aus Mauthausen “ im Wintersemester 2025/26, Lehrveranstaltungsleitung: Univ.-Prof. Dr. Kerstin von Lingen, Input von Seiten der Gedenkstätte: René Bienert.
Albert J. Kosiek, Liberation of Mauthausen, Erinnerungsbericht, in: Thunderbolt, Mai/Juni 1955, Mauthausen Memorial, Signatur: MM 2.1.23.05.
Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck/Wien/Bozen 2006.
Verein für Gedenken und Geschichtsforschung in österreichischen KZ-Gedenkstätten (Hg.), Das Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945, Katalog zur Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Wien 2013.
Willi Mernyi/Florian Wenninger (Hg.), Die Befreiung des KZ Mauthausen. Berichte und Dokumente, Wien 2006.