Mauthausen, 1943/44: Jeden Tag ziehen etwa 50 Häftlinge aus dem Konzentrationslager zum Steinbruch – mitten durch den Ort. Die jungen Männer arbeiten für die Firma Poschacher, die hier Granit abbaut. Jeden Abend führt der Rückweg die Zwangsarbeiter erneut durchs Dorf – vorbei am Haus von Anna Pointner in der Vormarktstraße 12. Die Bewohnerin weiß, dass Kontakt zu KZ-Häftlingen streng verboten ist. Trotzdem zieht sie die Vorhänge ein wenig beiseite und späht nach draußen. Schließlich hebt sie die Hand – und winkt.
Anna wächst am Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Mauthausner Arbeiterfamilie auf. Mit 20 Jahren heiratet sie den Bahnbediensteten Michael Pointner und hat mit ihm drei Töchter. Beide Eheleute sind in der sozialdemokratischen Partei aktiv und Anna engagiert sich bei den „Kinderfreunden“ und in der Gemeinde. Als ab 1933 die Austrofaschisten in Österreich die Macht ergreifen und eine Diktatur errichten, wird die politische Einstellung der Pointners illegal. 1938 übernehmen mit dem „Anschluss“ die Nationalsozialisten die Herrschaft – und errichten ganz in der Nähe des Orts Mauthausen ein Konzentrationslager.
Widerstand im Dorf
Bei seiner Arbeit am Bahnhof sieht Michael Pointner immer wieder KZ-Transporte ankommen. Er schaut nicht weg – und gerät damit ins Visier der Nazis: Sie nehmen ihn fest, misshandeln und verhören ihn wochenlang in der Gestapozentrale in Linz, bevor er nach Hause zurückkehren darf. 1942 lässt der Nazi-Bürgermeister von Mauthausen eine Tochter des Ehepaares in die „Landes-Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart“ einweisen. In dem Heim ermorden Ärzt:innen und Pfleger:innen damals Kinder und Erwachsene, die das NS-Regime als „unwertes Leben“ einstuft – sie entziehen ihren Opfern die Nahrung, vergiften sie mit einer Überdosis Medikamente oder lassen sie in die Tötungsanstalt Hartheim bringen. Anna Pointner schafft es, ihre Tochter zurück nach Hause zu holen – und rettet ihr so vermutlich das Leben.
Anna Pointner weiß also, dass sie ein Risiko eingeht, als sie den KZ-Häftlingen zuwinkt. Bald spricht sie sogar mit den jungen Spaniern, die als „politische Häftlinge“ in Mauthausen eingesperrt sind. Die Gruppe wird vom Lagerpersonal nicht mehr so stark bewacht wie am Anfang – schließlich lässt man sie sogar außerhalb des KZs in der Nähe des Arbeitsplatzes übernachten. So haben sie die Chance, sich mit Anna Pointner vertraut zu machen.
Anfang 1945 bringt der Spanier Jacinto Cortés Anna Pointner ein Päckchen. Er bittet sie, es zu behalten. Der Inhalt: Fotos aus dem KZ, die die Verbrechen der Nazis dokumentieren. Anna Pointner willigt ein. Sie zieht einen Stein aus der Mauer hinter ihrem Haus und versteckt das Paket in der Lücke. Dort bleibt es bis Kriegsende liegen.
Beweise für die Verbrechen der Nazis
Im Mai 1945 befreit die US-Armee das Lager Mauthausen – und damit auch die spanischen Häftlinge. Kurz darauf stehen sie wieder bei Anna Pointner vor der Tür. Mit dabei ist diesmal Francisco Boix, der als Häftling im Fotolabor der SS arbeiten musste. Durch seine Arbeit konnte er heimlich Fotonegative beiseiteschaffen, die den Lageralltag aus Sicht der SS dokumentieren. Ein Paket mit Negativen hat er damals Jacinto Cortés übergeben – und bekommt es nun von Anna Pointner zurück. Doch die Übergabe ist nicht das Ende der Bekanntschaft: Die Spanier des „Poschacher Kommandos“ bleiben noch lange nach der Befreiung mit Anna Pointner in Kontakt: Sie besuchen sie und schreiben ihr Briefe. Die Männer nennen sie sogar liebevoll „Mami“.
Als Francisco Boix 1946 als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen aussagt, hat er auch einige der geretteten Fotos dabei. Manche Bilder zeigen NS-Größen wie Albert Speer und Ernst Kaltenbrunner auf Besuch im Lager. Die Fotos beweisen, dass diese von den Verbrechen wussten. Auf anderen sind Gräuel des Lageralltags zu sehen: Zwangsarbeit, Bestrafungen und Morde. Die Fotos helfen bei der Verurteilung von NS-Tätern. Boix selbst stirbt wenige Jahre später mit nur 31 Jahren an den Folgen seiner Haft. Fotos aus seiner Sammlung prägen bis heute unser Bild der Konzentrationslager mit. Einen wichtigen Teil der Fotos hat Anna Pointner gerettet.
Anna Stärk
Dieser Blogbeitrag ist eine Kooperation von wasbishergeschah.at mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und dem Mauthausen Memorial. Er entstand im Rahmen des Forschungsseminars „Befreiung aus Mauthausen “ im Wintersemester 2025/26, Lehrveranstaltungsleitung: Univ.-Prof. Dr. Kerstin von Lingen, Input von Seiten der Gedenkstätte: René Bienert. Ferdinand Zachhuber hielt im Seminar eine Präsentation zum Thema des Blogbeitrags.
Benito Bermejo, Francisco Boix, Der Fotograf von Mauthausen, Wien 2007.
Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck/Wien/Bozen 2006.
Cornelia Brink, Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998.
David Wingeate Pike, Spaniards in the Holocaust. Mauthausen, the horror on the Danube, London 2000.
Markus Rachbauer, Zwischen Heilanstalt und Tötungsort. Zum Massensterben von PatientInnen der psychiatrischen Anstalt Niedernhart (Linz) während der beiden Weltkriege, in: Markus Rachbauer/Florian Schwanninger (Hg.), Krieg und Psychiatrie. Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Innsbruck/Wien 2022, 69–99.
Verein für Gedenken und Geschichtsforschung in österreichischen KZ-Gedenkstätten (Hg.), Das Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945, Katalog zur Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Wien 2013.
Willi Mernyi/Florian Wenninger (Hg.), Die Befreiung des KZ Mauthausen. Berichte und Dokumente, Wien 2006.