Wien-Wieden, 1974: Eine ältere Gesangslehrerin bekommt Besuch von der Stadtverwaltung. Der Besuch verheißt nichts Gutes. Denn die Dame vom Amt prüft den Zustand der Wohnung. Sie legt der Bewohnerin auch verschiedene Formulare zur Unterschrift vor – ohne weitere Erklärung. Eine jüngere Nachbarin versucht, mehr über die Pläne der Stadt Wien herauszufinden. Sie scheitert: „Man rennt zum Magistrat, von Pontius zu Pilatus, und rauskommen tut nix.“ Gerüchteweise hören die Bewohner:innen bereits seit Jahren, dass in naher Zukunft mehrere Gebäude im Häuserblock abgerissen werden sollen. Wann genau, lässt sich aber nicht feststellen.
Was soll mit Gebäuden passieren, die alt geworden sind? Das beschäftigt auch heute: abreißen und neu bauen – oder erhalten und verbessern, was bereits da ist? Mit jedem Abriss verschwinden nicht nur Mauern, sondern auch Energie, Geschichte und Nachbarschaften. Es gibt Schätzungen, dass es bis 2050 in Europa bei rund zwei Milliarden Quadratmetern bebauter Fläche zum Abriss kommen wird. Darauf wird dann neu gebaut. Das verbraucht viele Ressourcen und große Flächen.
Ein Garten statt Mauern
Vor dem Abriss steht Anfang der 1970er-Jahre auch ein Teil des Wiener Häuserblocks auf der Wieden, dem 4. Wiener Gemeindebezirk. An vier Seiten verbaut, bildet er im Inneren einen großen Hof. Heute ist dieser Hof eine grüne Oase in einem dicht verbauten Bezirk. Doch damals schaut es hier noch anders aus: Der Hof ist in 34 Stücke aufgesplittert. Mauern, Zäune und Stacheldraht trennen die Flächen voneinander. Beton, Schutt und kaputte Fenster beherrschen das Bild. Die Häuser im Block sind zum Teil in einem sehr schlechten Zustand und verfallen langsam. Viele Wohnungen haben Wasser und Klo nur auf dem Gang. Die Planung der Stadt sieht dafür nur eine Lösung: Abreißen! Deshalb trauen sich die Menschen auch nicht mehr, ihre Wohnungen zu renovieren. Wofür, wenn sie sowieso abgerissen werden?
Wie aus einem Abrissplan ein Gemeinschaftsprojekt wird
Zwei ORF-Journalist:innen tragen dazu bei, dass etwas Neues entsteht: Anfangs wollen Elisabeth Guggenberger und Helmut Voitl nur einen Film über Gartenhöfe in Wien machen. Doch als sie bei ersten Recherchen auf den verfallenden Häuserblock auf der Wieden stoßen, ändern sie ihr Konzept: Statt bloß die Probleme der Menschen zu filmen, regen sie ein Projekt an, das die Bewohner:innen an der Sanierung ihrer Häuser beteiligt. Damit bestärken sie die Menschen vor Ort, selbst aktiv zu werden. Sie machen aus dem „Planquadrat“ außerdem eine mehrteilige Fernsehdokumentation. Die Sendungen laufen sogar im Hauptabendprogramm: In ganz Österreich sehen so Leute, wie demokratische Stadtentwicklung aussehen kann.
Aktion Diagonal
Die Mauern und Zäune mitten durch das Gelände verhindern 1974 schon seit vielen Jahren, dass die Leute den Innenhof durchqueren und nützen können. Auf Anregung des ORF-Filmteams ziehen daher 35 Jugendliche und Kinder mit einem dicken Pinsel eine 500 Meter lange weiße Linie durch den Hof – über alle Hindernisse hinweg: quer über Mülltonnen, Gerümpel, Mauern und Autoabstellplätze. So protestieren sie dagegen, dass hier Flächen getrennt werden, die sie in etwas Gemeinsames verwandeln wollen.
Im Sommer 1974 entwickeln Architekturstudierende das Planquadratspiel. Ein Spielplan zeigt die aufgeklappten Hoffassaden. Die Bewohner:innen können aus 108 Spielmarken jene auswählen und auflegen, die ihnen am wichtigsten erscheinen. So können sie selbst entscheiden, wo es in Zukunft möglich sein soll, zu rutschen, zu schaukeln, zu grillen, zu lesen, Gemüse anzupflanzen oder an einem Teich zu liegen.
Nachbar:innen, die bislang wenig miteinander zu tun hatten, schließen sich zusammen, um gemeinsam eine Idee zu verwirklichen: einen großen Garten für alle ohne trennende Zäune. Die Bewohner:innen wollen auch den geplanten Abriss von Häusern verhindern. Dabei stoßen sie auf den erbitterten Widerstand der Stadtverwaltung. Nur mit viel Geduld gelingt es ihnen, die Erhaltung des gesamten Häuserblocks durchzusetzen.
Nachhaltige Stadtentwicklung ist möglich
1976 gründen die Bewohner:innen den Gartenhofverein Planquadrat. Sie planen und gestalten ihren neuen Freiraum selbst. Mit der Stadt Wien schließen sie einen Vertrag. Die unterstützt nun die Umgestaltung der Höfe. Dafür übernimmt der Verein die Pflege des Gartens. Das Modell besteht bis heute.
Der Planquadrat-Garten ist auch 2026 ein Vorbild. Aus vielen tristen Hinterhöfen ist ein öffentlich zugänglicher Gartenhof entstanden, um den sich seit gut 50 Jahren engagierte Wiedner:innen gemeinsam kümmern. Auf rund 5.000 Quadratmetern wächst üppiges Grün. Hohe Wohnhäuser schützen den Gartenhof vor dem Lärm und dem Staub der Stadt.
Sonja Pisarik
Helmut Voitl / Elisabeth Guggenberger / Peter Pirker: Planquadrat. Ruhe, Grün und Sicherheit– Wohnen in der Stadt, Wien/Hamburg 1977
Wilhelm Kainrath / Hugo Potyka / Rudolf Zabrana: Projekt Planquadrat 4. Versuch einer „sanften“ Stadterneuerung, Stuttgart 1980
Maya Habian / Tobias Gossow: Die Ballade vom Planquadrat-Garten. Eine wahre Geschichte aus Wien, Eigenverlag, Wien 2017