Gusen in Oberösterreich, Mai 1945: Elizabeth Feldhusen lässt sich mit DDT einsprühen. Das weiße Pulver soll Läuse fernhalten und eine Ansteckung mit Typhus verhindern. Denn sie ist gekommen, um den befreiten Häftlingen des Lagers zu helfen. Viele von ihnen sind schwer krank oder liegen im Sterben.
Medizinische Soforthilfe
Anfang Mai 1945 erreichen amerikanische Truppen Linz und entdecken kurz darauf das KZ Mauthausen samt seinen Außenlagern. In den Lagern herrscht seit Wochen Chaos: Die Baracken sind überfüllt, es gibt kaum Nahrung. Unzählige Menschen sterben – an Krankheiten, Gewalt oder Entkräftung. Als die ersten US-Soldaten am 5. Mai 1945 das KZ erreichen, ist die SS schon geflohen. In den darauffolgenden Tagen kommen weitere US-Einheiten in die Lager, darunter Ärzte und Sanitäter. Zu den ersten Aufgaben gehört es, die Lebenden von den Toten zu trennen.
Elizabeth Feldhusen kommt nur wenige Tage später nach Gusen. Sie und 38 weitere Krankenschwestern gehören zum 131. Evacuation Hospital der US-Armee, einem mobilen Spital zur medizinischen Erstversorgung.
Feldhusen stammt aus New York und tritt 1943 freiwillig der Armee bei. Schon die Überfahrt nach Europa ist gefährlich: Das Schiff muss ständig die Richtung ändern, um feindlichen U-Booten und ihren Bomben zu entgehen. In Europa versorgt Feldhusen verwundete US-Soldaten. Sie kümmert sich um schwer Verletzte und Verstümmelte. Aber all das kann sie nicht auf das vorbereiten, was sie im befreiten KZ erwartet.
Am Morgen vor der Abfahrt nach Gusen warnt ein Offizier die jungen Frauen: Im Lager wird es viele Krankheiten geben. Er stellt ihnen frei, ob sie mitkommen oder nicht. Trotzdem fahren schon am ersten Tag fast alle Krankenschwestern mit ins Lager und beginnen mit der Arbeit. Die Patienten sind ausgezehrt und schwach. Schwerer Durchfall entkräftet viele zusätzlich. Die Krankenschwestern geben ihnen Medikamente, die manche kaum schlucken können. Viele sind nicht mehr zu retten: Auch noch nach ihrer Befreiung sterben unzählige an den Folgen der KZ-Haft.
Nahrung ist knapp im befreiten Lager, Privatsphäre gibt es keine. Jeden Tag vor der Arbeit müssen sich die Krankenschwestern mit DDT einstäuben lassen. Das Mittel tötet Insekten, es ist aber auch für Menschen gefährlich, denn es kann Krebs erregen. Doch das wissen die Krankenschwestern damals noch nicht. Viele Jahre später erkrankt Feldhusen an Brustkrebs. Sie überlebt – fragt sich aber lange, ob die Krankheit eine späte Folge des DDT im Lager war.
Aus dem Holocaust lernen?
Im Sommer 1945 kehrt Feldhusen in die USA zurück und arbeitet weiter als Krankenschwester. 50 Jahre später erzählt sie im Interview von der Hoffnung, die sie in der Nachkriegszeit hat: Sie glaubt, dass die Menschen aus den Gräueln des Zweiten Weltkriegs lernen und sich endlich vom Krieg abwenden werden.
Doch 1995 muss sie feststellen, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat. Die Medien berichten damals über den Jugoslawienkrieg: brutale Massenmorde mitten in Europa. Auch die Gewalt von rechtsextremen Skinheads verstört Feldhusen. Über Menschen, die den Holocaust leugnen, ist sie fassungslos: „Wie kann man etwas abstreiten, wenn man alle Beweise hat?“ Sie kommt zum Schluss: „Ich glaube nicht, dass wir überhaupt etwas daraus gelernt haben“.
Anna Stärk
Dieser Blogbeitrag ist eine Kooperation von wasbishergeschah.at mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und dem Mauthausen Memorial. Er entstand im Rahmen des Forschungsseminars „Befreiung aus Mauthausen “ im Wintersemester 2025/26, Lehrveranstaltungsleitung: Univ.-Prof. Dr. Kerstin von Lingen, Input von Seiten der Gedenkstätte: René Bienert. Kathy Krammer hielt im Seminar einen Vortrag zum Thema.
Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck/Wien/Bozen 2006.
Christian Dürr/Gregor Holzinger/Stephanie Kaiser/Ralf Lechner (Hg.), Konzentrationslager Gusen 1939–1945. Eine Dokumentation, Wien 2024.
Willi Mernyi/Florian Wenninger (Hg.), Die Befreiung des KZ Mauthausen. Berichte und Dokumente, Wien 2006.