Das Bild zeigt zwei jüdische Frauen und einen jüdischen Mann in einem Hinterhof in Shanghai. Eine der Frauen kocht im Vordergrund links auf einem Steinblock, der Mann steht an einer improvisierten Küchenzeile. Die andere Frau lehnt sich lässig dagegen. Im Hintergrund hängt Wäsche auf einer Leine. © Goethe Institut

DER VERGESSENE JUDENRETTER

AUS CHINA

Der chinesische Generalkonsul Feng Shan Ho rettet während der NS-Zeit tausende Jüdinnen und Juden aus Wien vor dem Holocaust. Das wird erst nach seinem Tod bekannt, denn er selbst schweigt darüber sein Leben lang.

10. November 1938, Wien: Feng Shan Ho klingelt bei der jüdischen Familie Rosenberg, um sich von seinen Freunden zu verabschieden. Er hat ihnen Visa ausgestellt, damit sie das Land verlassen können. Aber mitten in der Nacht war die Gestapo da und hat den Familienvater verhaftet. Zurück bleiben die verängstigte Frau und zwei Polizisten. So wie Rosenberg ergeht es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 tausenden Jüdinnen und Juden.

Die Nazis verhaften nach den Novemberpogromen über 30.000 Jüdinnen und Juden. © Bundesarchiv

Die meisten von ihnen deportieren die Nazis kurz darauf ins KZ Dachau. Ho kann die Polizisten aber so sehr einschüchtern, dass Rosenberg am nächsten Tag freigelassen wird.

Ein Chinese, der die Nazis verabscheut

Ho stammt aus Hunan im Süden von China. Er studiert Anfang der 1930er-Jahre in München. Dort bekommt er aus nächster Nähe mit, wie die SA die jüdische Bevölkerung und politische Gegner:innen terrorisiert.

Einige Jahre später schickt ihn die Chinesische Republik als Sekretär ihrer Gesandtschaft nach Wien. Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 schließen die Nazis allerdings alle ausländischen Botschaften und Gesandtschaften. Ho bekommt den Auftrag, stattdessen ein Generalkonsulat zu errichten – und wird kurz darauf zu dessen Leiter.

Die chinesische Regierung wünscht sich einen Konsul, der gut mit den Nazis auskommt. Ho will aber nicht tatenlos bei ihren Verbrechen zusehen. Zur selben Zeit hat sich die chinesische Regierung vor den japanischen Besatzern in die Kriegshauptstadt Chungking zurückgezogen. Ho weiß, dass es deshalb in Shanghai nun weder Grenzkontrollen noch eine Einwanderungsbehörde gibt. Er beginnt, allen jüdischen Antragsteller:innen Visa für die Stadt auszustellen. Damit können sie das Deutsche Reich verlassen. Manche von ihnen flüchten tatsächlich nach China, andere setzen sich auf der Durchreise ab. Ho arbeitet heimlich mit amerikanischen Hilfsorganisationen zusammen, um die Sicherheit der Geflüchteten zu gewährleisten.

Nach den Novemberpogromen bilden sich vor dem Konsulat lange Menschenlangen. Auch die Rosenbergs können nach der Freilassung des Familienvaters mit Hos Hilfe das Land verlassen.

Feng Shan Ho erhält als Jugendlicher an einer Schule der Norwegischen Lutherischen Mission eine westliche Ausbildung. © Wikimedia

Allerdings bekommen bald auch seine Vorgesetzten mit, dass er Jüdinnen und Juden hilft. Im April 1939 wird er deswegen verwarnt – doch Ho lässt sich nicht einschüchtern. Ein Jahr später beruft ihn die chinesische Regierung aus Wien ab. Zu diesem Zeitpunkt hat er schätzungsweise 5.000 Menschen das Leben gerettet. Die meisten von ihnen erfahren niemals, wer sich für sie eingesetzt hat. Für Ho übernimmt ein gehorsamerer Nachfolger.

 

Schweigen über die Zeit in Wien

Feng Shan Ho bleibt auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Diplomat. Über seine Zeit in Wien redet er kaum. Selbst seine Tochter Manli Ho weiß nicht viel mehr als die Geschichte von der Rettung der Rosenbergs. Erst nach seinem Tod 1997 recherchiert sie über seine Zeit im Wiener Konsulat. Sie erreicht, dass ihr Vater drei Jahre später von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ anerkannt wird.

In Wien erinnern inzwischen zwei Gedenktafeln an die Rettungsaktionen von Feng Shan Ho. © Wikimedia

Lennart Busse

Zeitstrahl 1938 © wasbishergeschah.at

Weiterführend:

Manli Ho: Rettende Visa. Die Rolle des Diplomaten Feng Shan Ho, in: Daniela Pscheiden/Danielle Spera (Hg.): Die Wiener in China. Fluchtpunkt Shanghai, Wien 2020, S. 26–31.